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Rolf Dieter

Hurra und wow und danke! Ich bekomme das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln. Die Begründung der Jury.

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2. Juli 2014

Dorian Steinhoff, Autor und Literaturvermittler, schreibt mit großer Souveränität und anziehender Lebendigkeit. In seinen Erzählungen lotet er die Haltbarkeit und Zerbrechlichkeit zwischenmenschlicher Beziehungen aus. Dramaturgisch klug und dicht gebaut, halten sie den einmal angeschlagenen Ton und zwingen den Leser in eine Perspektive hinein. So entsteht eine zweite, intime Wirklichkeit hinter dem offensichtlichen Arrangement aus Handlungen, Wunschfantasien und Sprechakten. Steinhoff verlässt sich dabei auf eine bildmächtige, temporeiche, aber nie überladene Sprache, die sich seinen Protagonisten unterschiedlich anschmiegt.

"Schneeballsystem" zum Beispiel erzählt vom Auf- und Abstieg einer Familie, die das schnelle Geld auf krummen Wegen zu machen versucht. Dabei werden mit leisem, selbstironischem Witz auch die Praktiken zweifelhafter Systeme freigelegt. Steinhoffs nie moralisierende, dafür genau beschreibende Erzählungen sind Spiegel der Gegenwart mit ihrer Vielzahl an Lebensentwürfen ohne Fundament. Mit Ernsthaftigkeit lenkt Steinhoff den Blick auf den Einzelnen, der unter unvorhersehbaren Umständen die Verhaltensweisen immer wieder neu erfinden muss. Am Ende weiß der Leser auf gute Weise mehr als die Figur; mehr vor allem über innere Zustände, die sich unaufdringlich und indirekt vermitteln.

Spannend werden diese Geschichten aber erst durch einen raffinierten Drehpunkt: Ein Zufall oder ein Ereignis, das aus dem scheinbaren Nichts hereinbricht und die Karten neu mischt. Steinhoff begleitet seine Figuren durch solche Phasen mit ungebrochener Aufmerksamkeit und einem genauen Blick für Gesten, Posen und Details. Aus stillen Beobachtern werden so plötzlich Menschen mit einer Verantwortung, die sie kaum stemmen können. Bei allem aber bleibt die Würde der Figuren bewahrt. Dorian Steinhoff lässt uns teilhaben an diesen Schicksalen, gerade weil er sie nicht seziert und vorführt, sondern mit großer Sensibilität und Empathie aus den nicht immer bewussten Kernkonflikten heraus lebendig werden lässt. Beharrlich testet er dabei aus, was Selbstbestimmung innerhalb festgelegter Grenzen heißen kann.

Dr. Anja Hirsch (F.A.Z.) für die Jury  

 

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