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Was wäre wenn

Am 22. Oktober 2014 wurde mir im Literaturhaus Köln das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium verliehen.
Eine Laudatio von Bettina Fischer

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3. Novermber 2014

Die Wirklichkeit – das ist ein wichtiges Stichwort und Dreh- und Angelpunkt, um die Prosa von Dorian Steinhoff zu verstehen. Beginnen wir einmal mit den ersten Zeilen des Textes "Macheten-Bande" in dem 2013 erschienenen Erzählungsband "Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern". Ich zitiere:

"Ist unvorstellbar, oder? Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte. Es waren meine Freunde, ich glaube, das ist das Problem."

Später heißt es im Text:

"Ich weiß nicht, wann und wie ich die Kontrolle verlor, vermutlich hatte ich sie nie. Kontrolle haben bedeutet, nein sagen zu können [... ]"

Was es bedeuten kann, wenn man die falschen Freunde hat und nicht dazu in der Lage ist "NEIN" zu sagen, wird hier erzählt: Bürkan will Fußballprofi werden, schafft es in die 3. Liga – aber die Freunde seiner Kindheit ziehen ihn immer wieder in krumme Dinger hinein, in gewaltvolle Überfälle – bis sie auffliegen und Bürkan mit ihnen. Bürkan erzählt den Hergang selbst und wie es geschehen konnte, dass er sich der Gewalt nicht entzog – obwohl er doch gerade dabei war, sich seinen großen Fußballertraum zu verwirklichen. Bürkan erzählt, warum er in der Wahrnehmung seiner Wirklichkeit einfach falsch lag. Keine 20 Seiten benötigt Dorian Steinhoff dafür, diese auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte zu erzählen. Wir können über die Verbindung von literarischer und außerliterarischer Wirklichkeit nachdenken.

Dorian Steinhoff macht im Erzählen ganz deutlich, was Menschen geschieht, die nicht Herren ihres eigenen Lebens sind. Menschen, die nicht wahrnehmen, wie die Wirklichkeit um sie herum ausschaut – wie sich diese Wirklichkeit plötzlich gegen sie wendet. Vielleicht auch, weil es eben nicht möglich ist, sich immer darüber im Klaren zu sein, wie es um DIE Wirklichkeit bestellt ist – oder was Wirklichkeit ist. Sie ist vielschichtig, sie ist nicht klar zu erkennen, sie ist aus jedem Blickwinkel anders.

Dorian Steinhoff verfügt in seinen Erzählungen und auch in seinem Manuskript "Schneeballsystem" über ein Arsenal an Figuren: solche, die bessere Voraussetzungen haben, die Komplexität der Wirklichkeit zu erfassen und die Begrenztheit der eigenen Wahrnehmung zu erkennen – und solche, deren Möglichkeiten eingeschränkt sind: weil sie eine weitere Wahrnehmung nicht haben entwickeln dürfen und können, weil sie krank sind und ausgesetzt – oder weil ihnen ganz einfach die Bildung fehlt.

Dass die Möglichkeiten des Menschseins häufig genug von außen bestimmt werden, wird in den Texten sehr deutlich. Eltern, Therapeuten und Ärzte beeinflussen und manipulieren unsere Wirklichkeiten.Aber keineswegs ist es so, dass diejenigen, die aus der Perspektive des begüterten Mittelstands als die Gedrückten gelten, bei Steinhoff nun auch deprimiert und unglücklich sind. Jeder lebt sein Leben, versucht es gut zu überstehen, vielleicht sogar zu gestalten. Ob das der als autistisch bezeichnete Junge Rafael ist, der sich ein Leben mit der schönen Nachbarin Frau Dinklage vorstellt; der Fußballprofi Bürkan oder die WG-Bewohner Nico und Ansgar.

Aber kann der Mensch sein Leben gestalten? Dorian Steinhoff spielt mit dieser Frage immer wieder – bestimmt der Mensch sein Leben selbst? Ja und nein, finden wir als Antwort. Nein – der Mensch ist den ihn prägenden Wirklichkeiten ausgeliefert – deswegen verpasst er immer wieder den besten Moment, sein Schicksal zum Besseren zu wenden. Und doch bleibt ein leises Ja. Warum sonst führt uns der Autor immer wieder an die Momente und Augenblicke heran, in denen sich das Glück vielleicht hätte herbeiführen lassen. Diese möglichen Wendepunkte lassen zumindest Fragen offen – Fragen nach einem möglichen selbstbestimmten Handeln, nach einem Schicksal, das der Mensch selbst beeinflussen kann.

Und all das finden wir bei Steinhoff in einer Sprache, die stets konzis, ohne Schnörkel, aber immer wieder mit einem neuen, seiner jeweiligen Figur angemessenen Tonfall ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit – ja, man könnte auch hier sagen: Wirklichkeit erzeugt. Diese Figuren sind auch sprachlich keine gesichtslosen Akteure.

So ergibt sich aus der sprachlichen Dichte und der inhaltlich konzentrierten Spannung der Handlung immer eine Geschichte, die den Leser in den Bann zieht. Wir wollen wissen, was aus Max und Anne – und der ungewollten Schwangerschaft wird, wir möchten verfolgen, wie der Backpacker Chris nach einem existentiell-bedrohlichen Stranderlebnis weiterlebt. Und wir werden immer gerade an jene Schwelle herangeführt, die uns das weitere Leben der Figuren ahnen lässt.

In Besprechungen von Dorian Steinhoffs Erzählungen taucht auf, dass wir hier das Leben der Generation Y beschrieben finden: jener jungen Menschen zwischen 25 und 30, die nicht immer so recht wissen, wie sie ihr Leben im Meer der Möglichkeiten gestalten sollen. Aber beschränkt sich diese Frage wirklich auf diese Generation Y – beschäftigt diese Frage nicht längst auch alle anderen Generationen?!

Dorian Steinhoffs Geschichten spiegeln das "Was wäre wenn" – das große Moment des kleinen Augenblicks der Entscheidung, das unser Leben verändert – diese existentielle Macht, die unsere Lebensläufe bestimmt, kennen wir alle.

Als Angehörige der vorangegangenen Generation kann ich es sagen und bezeugen: in Dorian Steinhoffs Texten wird man sprachlich überzeugend an Menschenleben herangeführt, denen man eine Erzählungslänge unbedingt folgen will. Menschen einer Lebensphase und einer bestimmten Zeit werden beschrieben: junge Menschen heute. Hier bildet sich eine Wirklichkeit ab, die uns alle angeht.Die Texte haben eine grundsätzliche Empathie mit ihren Figuren, eine Einsicht ins Menschliche und die Überforderung, der man nur allzu oft ausgesetzt ist.

Dorian Steinhoff hat das Rolf-Dieter-Brinkann-Stipendium unserer Stadt zugesprochen bekommen. Das Stipendium beinhaltet auch, dass man sich in einer Atelierwohnung in Köln aufhalten kann. Vielleicht reist er aus dem benachbarten Düsseldorf einmal ein und schaut sich dieses Köln aus der Nähe an, dieses Köln, das Rolf Dieter Brinkmann mit sehr kritischem und sehr genauem Blick betrachtet hat. Etwa in seinem Roman "Keiner weiß mehr". Auch von Dorian Steinhoff können wir einen sehr genauen Blick erwarten, ein kritisches Auge, das die Zusammenhänge zwischen den Menschen, die Widrigkeiten und Widerstände im Miteinander aufspürt. Aber sein Gestus ist ein anderer: in Dorian Steinhoffs Beschreibungen finden wir eine Einordnung, aber kein Urteil. Mit wenigen Strichen werden hier Charaktere entworfen, wir begreifen ihre Eigenheiten, ihre Wirklichkeiten.

Die Zeiten haben sich geändert. Rolf Dieter Brinkmann hat mit großem Furor und gewiss auch mit einem großen Macho-Gestus wortgewaltig auf die Welt eingeschlagen. Die Unmittelbarkeit seiner Weltaneignung und -abstoßung ist frappierend. Das hatte und hat auch heute noch eine beeindruckende Kraft. Und doch passt es heute nicht mehr in die Zeit – auch weil die Fronten längst nicht mehr so eindeutig sind wie damals. Dorian Steinhoff verfügt ebenfalls über eine große Sprachkraft – aber er setzt sie anders ein, er begleitet seine Helden, er formuliert die großen Lebensfragen in eine zerfaserte, viel komplexere Zeit hinein.

Kommen wir zurück zur Wirklichkeit. In dem am Montag erschienenen JETZT-Magazin der Süddeutschen Zeitung hat Dorian Steinhoff eine Reportage über einen Freund verfasst, der sein Einkommen, und gar kein geringes, mit professionellem Online-Poker verdient. (Diesen Text kannte die Jury natürlich nicht.) Auch dieser Text hat eine spezifische Qualität der literarischen Arbeiten des diesjährigen Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendiaten: er zeigt einen Menschen, der sich für etwas entschieden hat – zumindest vorübergehend. Nun führt er ein eigenartiges Leben, ein professioneller Spieler, der so gar nichts Spielerisches an sich hat. "Den schwächsten Gegner finden, Tische zerstören, wenn es geht, zehn auf einmal. Das ist Sandros Job." Das ist Wirklichkeit – im realen Virtuellen.

Dorian Steinhoff hat seine literarische Karriere als Poetry Slammer begonnen. Er ist – wie eben erwähnt – auch Journalist. Er gibt Workshops. Er ist ein Kollege, denn er ist auch Literaturveranstalter. Dem Wort und was man alles mit ihm machen kann, ist er also auf vielfältige Weise verbunden. Mit seinen beiden Erzählungsbänden "Goldfische sind auch keine Lösung" und "Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern" sowie dem Text "Schneeballsystem", der der Jury vorlag und der im Sommer erscheinen wird, zeigt er aber vor allem, dass er ein großer Erzähler ist, von dem wir noch viel zu erwarten haben. Jemand, der die Leser tiefer schauen lässt, in dem er vor allem die Wirklichkeit – seiner Figuren – mit großer Sensibilität und sehr differenziert beschreibt. Das ist eine Kunst!

Ich gratuliere Dorian Steinhoff herzlich zum Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium – und freue mich schon jetzt, wieder und weiteres von ihm zu lesen.

 

Ich danke Bettina Fischer besonders für diesen Text und dem ganzen Team des Literaturhauses Köln für diese wundervolle Preisverleihung. Danke.