zurück zur Startseite

Kanzleramt

Am 29. und 30. Augsut lud die Bundesregierung zum Tag der offenen Tür. Vor einem Jahr war ich auch da, um für meine erste Radiokolumne zu recherchieren. Ein Bericht.

zum Content

31. Augsut 2015

"Ach, ist das schön muffig", sagt meine Begleiterin. Das Wehrbereichsmusikkorps III Erfurt bläst und paukt und knallt einen Marsch über den Ehrenhof des Bundeskanzleramtes und vielleicht ist das sogar ein Marschhit, vielleicht sollten wir ihn erkennen, denn er wird und wurde hier oft gespielt, er ist sicher eine Tradition, genau dieser eine Marsch, der wahrscheinlich zu einem militärischen Triumphanlass komponiert wurde, ist jetzt bei Staatsbesuchen bestimmt ein Symbol für irgendwas mit Freiheit.

Hier also schreitet die Kanzlerin bei Staatsbesuchen gemeinsam mit anderen mächtigen Menschen über den roten Teppich, um sie zu empfangen, um zu sagen "Deutschland empfängt Sie und so hört sich ein ehrenvoller Empfang in Deutschland an." Aber meine Begleiterin und ich, wir erkennen den Marsch nicht, wir würden auch keinen anderen Marsch erkennen, noch nicht mal den Radetzky Marsch, wobei sich meine Begleiterin da nicht sicher ist.

Sicher ist: Heute ist Tag der offenen Tür der Bundesregierung, aber keine Kanzlerin – die ist in Brüssel – schreitet heute über den Roten Teppich und auch kein Gast, denn heute ist der Tag, an dem das Volk, der Bürger, der Souverän, an dem wir über den Roten Teppich schreiten und empfangen werden, an dem die Regierung sich transparent zeigt und erlaubt, dass wir mal hineinschauen dürfen in die Machtzentrale des Landes und in den Dienstwagen und auch in den Hubschrauber. Mit dem dürfen wir aber nicht wegfliegen, scherzt der Bundeskanzleramtsminister und lacht und niemand lacht mit. Wir finden, Politiker müssen überhaupt nicht witzig sein und volksnah, das gehöre doch nur zur Kernkompetenz eines Wahlkämpfers, aber nicht zu der eines guten Politikers, sind wir uns einig, und deshalb schämen wir uns nicht für den schlechten Witz, sondern der Bundeskanzleramtsminister tut uns ein bisschen leid, weil er hier herumlaufen und den Bürgern nah sein muss und glaubt, er müsse deshalb Witze machen.

Wir dürfen heute auch mit dem Po erfühlen, wie bequem so ein Sitzpolster im Rang der Bundespressekonferenz ist, wir erfahren, wie viele Simultanübersetzer im internationalen Koferenzsaal auf einmal simultan übersetzen können, und wir dürfen vermuten, dass die Herren, mit den grauen Gesichtern und den verhärmten Mundwinkeln, die sehr gut sitzende Anzüge und teure Schuhe tragen, wahrscheinlich mittelranginge Amtsmitarbeiter sind. Wir dürfen Staatsgeschenke, ausgestellt wie im Museum, betrachten und erfahren, dass Lyndon B. Johnson Ludwig Erhard 1963 bei einem Ranch-Besuch einen wertvollen Texas-Hut von Stetson geschenkt hat. Wir dürfen die Altkanzler sehen, die porträtiert von großen Malern in der türkisgrauen Galeriehalle des Amtes hängen. Und wir dürfen dabei besonders über Gerhard Schröder lachen, der sich von Jörg Immendorff, von wem auch sonst, als goldene Büste mit steinernem Caesar-Blick hat porträtieren lassen.

Gerhard Caesar Schröderby Jörg Immendorff

Im Kanzlergarten, verspricht das Programmheft, erwartet uns ein kulinarisches Angebot unter dem Motto "Gesund ist Trumpf". Die längste Schlange ist vor dem Zelt, das Pommes und Bratwürste verkauft. Wir essen fade Nudeln und auf der Open-Air-Bühne spielt eine Jazz Band und die Sängerin reimt "adretter" auf "Wetter" und "Retter". Ich beobachte einen Stelzenläufer und bin mir sicher, dass wahrscheinlich nur Panflöte spielende Stelzenläufer schlimmer sind als Stelzenläufer und so doof wie mein Gedanke war, muss ich in die Luft geschaut haben, denn meine Begleiterin sagt ganz vergnügt: "Jetzt hast Du den Typen von der Polizeikappelle verpasst, der sich mit dem Finger Zeug zwischen den Zähnen weggemacht hat."  

Wir dürfen heute also vor allem verstehen, dass sich das Kanzleramt, dass sich eine ganze Regierung an einem Tag der offenen Tür genauso präsentiert wie jede andere Institution auch: Man hat hübsch alles sauber gekehrt, hergerichtet und zeigt das, von dem man denkt, dass es die Erwartungen der Besucher erfüllen wird. Da passt es, dass die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration an ihrem Stand mit einem an "Wer wird Millionär" angelehnten Quiz vermittelt, dass im Jahr 2008 965.908 Menschen nach Deutschland migriert, aber auch 578.759 Menschen aus Deutschland emigriert sind. Netto-Zuwanderung. Dass auch viele wieder gehen, das käme ja in den Flüchtlingsstatistiken, die die Zeitungen veröffentlichen, nie vor, sagt die Beauftragte.

Am Ende sagt meine Begleiterin, dass es transparente Regierungen natürlich nicht gibt. "Aber", sage ich, "eine Inszenierung verrät viel über den Inszenierenden." Das Kanzleramt erfüllt Erwartungen und klingt dabei muffig. Wenn man so mal keine offenen Türen einrennt.